Alexander-Technik für Musiker : Einleitung
Ein einstiges Wunderkind verliert seine Unschuld und entwickelt ein störendes Bewusstsein gegenüber seinem Instrument, seinem Musizieren und der Bewunderung des Publikums. Trotz großer innerer Bemühungen wird das Gelingen seiner Auftritte immer häufiger in Frage gestellt.
Ein junges, hervorragendes Talent seiner Generation leidet an Rückenschmerzen, die seinen Auftritten ein Ende machen und die, wie es scheint, auf eine bei der Geburt erlittene Schädigung zurückgehen. Schon mit Anfang Zwanzig muss er sich einer Rückenmarkoperation unterziehen. Trotz des späteren großen Erfolgs bei Publikum und Kritikern zeigen sich einige Musikerkollegen, die das Aufblühen dieses ungewöhnlichen Talents aufmerksam verfolgt haben, mit seinen Auftritten unzufrieden.
Eine anziehende und talentierte junge Frau wird von ihrer Plattenfirma als Aushängeschild in der klassischen Musikbranche vermarktet. Sie hat drei distinkte Persönlichkeiten entwickelt, die im Kreis der Familie, auf der Bühne und privat zum Vorschein kommen, damit sie mit den Erwartungen und Anforderungen zurecht kommt, die das Leben an sie stellt.
Ein einschlägiges Magazin hat eine Umfrage veranstaltet, deren Ergebnisse zeigen, dass erschreckend viele Orchestermusiker ständig an Ängsten und Unsicherheit leiden. Viele sind bereits vor ihren Auftritten alkoholisiert und trinken sogar während der Pausen. Andere greifen zu Beruhigungsmitteln und anderen chemischen Keulen, die die Angst in Schach halten sollen. Weitaus die meisten Befragten sprechen von Krankheiten, die sie mit ihrem Beruf in Verbindung bringen, darunter Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Sehnenscheidenentzündungen, durch Dauerbelastung verursachte Zerrungen und Verletzungen der Bänder, Magengeschwüre und ein Begleitensemble seelischer Zerrüttungszustände bis hin zur Depression.
Das Verhalten vieler berühmter Dirigenten, Sänger und Solisten unterscheidet sich stark von dem, was man als statthaft bezeichnen würde. Temperamentsausbrüche, kurzfristige Terminabsagen und das exzentrische Verhalten von Diven füllen die Klatschspalten in den Zeitschriften. Es heißt, das sei ein notwendiges Übel, ein Zeichen von „künstlerischem Temperament".
Junge Talente werden unnötig verschlissen, vielversprechende Karrieren finden ein vorzeitiges Ende, Auftritte finden ohne ausreichende Vorbereitung statt. Anstößiges Verhalten, Frustrationen, allerlei Beschwerden und Schmerzen scheinen die Regel im Beruf des Musikers. Man fragt sich unversehens: „Muss das denn so sein?" Liegt im Musizieren selbst so etwas wie eine Tendenz zum Leiden?
Selbstverständlich nicht. Wir bestaunen die mühelose Grazie eines Arthur Rubinstein, die stets hohe Qualität aller seiner Auftritte, seine selbst im hohen Alter noch berückende Jugendlichkeit. Mit Verzückung hören wir die meisterlichen Konzerte eines Vlado Perlemuter, eines Swjatoslaw Richter, eines Stephen Kovacevich. Wir verehren Claudio Arrau, dessen Spiel Tiefe und Weitsicht eines alten Weisen des Klaviers mit der Virtuosität eines jungen Wettbewerbspreisträgers verbindet. Wir lassen uns von großen Sängern inspirieren, die über Jahrzehnte Aufführungen auf höchstem Niveau bieten und zugleich in stiller Würde unterrichten und leben.
Musiker aller Altersgruppen mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten, die sich scheinbar unüberwindlichen Problemen gegenübersehen, haben viele gute Gründe für ihre Unzulänglichkeiten und ihr Versagen anzubieten. Aus dem Blickwinkel der Erfolge ihrer Musikerkollegen halten diese aber einer genaueren Untersuchung nicht stand.
Die inzwischen abgenutzte Formel für Musikerprobleme - und viele andere auch - ist der vielzitierte Stress. In seinem Buch Anatomie einer Krankheit aus der Sicht des Patienten schreibt Norman Cousins, „das am weitesten verbreitete - und nach dem Stand unseres Wissens schwerwiegendste - Problem unserer Zeit ist Stress, vom ‚Vater' des Stresskonzepts Hans Seyle als ‚Grad der Verschleißerscheinungen im Körper des Menschen' definiert. Diese Beschreibung erstreckt sich auch auf emotionale und körperliche Anforderungen, sofern sie über die Fähigkeiten des jeweils Betroffenen hinausgehen."1
Ich halte diese Definition für verfehlt. Schauen wir uns ein Beispiel aus den Ingenieurwissenschaften an. Nach unserem Sprachgebrauch steht auch eine Brücke unter Stress (durch ständige Überlastung durch den Verkehr oder durch Witterungseinflüsse) und wir sagen auch von ihr, sie sei strukturell überlastet. Die verschleißenden Einwirkungen auf die Brücke können zu Rissen oder auch zum Einsturz führen. Nicht die Einwirkungen an sich führen aber dazu, sondern Überlastung. Stress ist also ein Stimulus und Überlastung die Reaktion darauf. Das Problem liegt eindeutig bei der Reaktion, nicht beim Stress; schließlich haben viele Brücken Jahrhunderte ständiger Belastung überstanden. Das Leben bringt ständige und unvermeidliche Belastungen und diese sind an sich weder negativ noch unerwünscht. Man denke nur an die vielen Musiker, die aus denkbar belastenden Umständen noch Kraft schöpfen und dabei ihre Seele noch vor Tausenden von Menschen sprechen lassen.
Ähnlich geartet ist das Argument von der unzulänglichen Beschaffenheit des menschlichen Körpers. Danach sei eine durchdacht konstruierte Brücke widerstandsfähig gegenüber den vielfältigen Belastungen, denen sie ausgesetzt ist, wogegen der menschliche Körper nicht fähig sei, den vielfältigen Belastungen des modernen Lebens zu widerstehen. Hier handelt es sich gleich um einen doppelten Fehlschluss, hinsichtlich der Beschaffenheit unseres Körpers nämlich, sowie auch gegenüber unserer „modernen" Zivilisation.
Betrachten wir zunächst den Ersten der beiden: Weit verbreitet sind Vorstellungen, kleinwüchsige Menschen seien nicht geeignet, das Bratschenspiel zu erlernen, Menschen mit kleinen Händen seien für das Klavierspiel nicht gut ausgerüstet oder die menschliche Stimme sei nicht in der Lage, ein Symphonieorchester zu übertönen. Man könnte noch weiter gehen: Wir sind nicht dafür gebaut an Marathonläufen teilzunehmen, Schuhe zu tragen, auf Beton zu gehen und so weiter ad infinitum.
Dabei lassen sich Argumente über die angebliche Unzulänglichkeit des menschlichen Körperbaus leicht entkräften. Der Bratschist und Lehrer William Primrose hat es so ausgedrückt: „Für das Erlernen des Bratschenspiels können große Hände und eine mittlere bis große Statur von Vorteil sein, sie sind aber keineswegs Bedingung."2 Der Pianist und Lehrer von Swjatoslaw Richter, Emil Gilels und Radu Lupu, Heinrich Neuhaus, ging noch weiter und schrieb in seinem Buch Die Kunst des Klavierspiels, dass
„... der anatomische Bau der menschlichen Hand, der auch vom Gesichtspunkt des Pianisten aus in idealer Weise zweckmäßig und bequem ist, überreiche Möglichkeiten zur Erzeugung der mannigfaltigsten Tonqualitäten bietet. Selbstverständlich ist die Klaviermechanik den anatomischen Bedingungen der Hand vollkommen angepasst."3
„Kleine Hände mit verhältnismäßig geringen Spannweiten [sind] viel mehr auf Bewegungen der Hinterhand, des Handgelenks, des Armes und der Schulter, also auf Beteiligung des ganzen ‚Hinterlands' angewiesen als große Hände mit entsprechend größerer Spannweite. ... Gerade deswegen [verstehen] begabte Pianisten mit kleinen und schweren Händen die Natur des Klaviers und seines ‚pianistischen' Körpers besser als so mancher großhändige und breitknochige. ... mit anderen Worten, sie machen aus der Not eine Tugend."4
Verlassen wir also nun die angeblich so mangelhafte Konstruktion des menschlichen Körpers und stimmen wir mit Hamlet darin überein, dass Menschen "die Schönheit der Welt, das Vorbild der Tiere" sind, voll entwickelte, auf zwei Beinen stehende Wesen mit gegenüberstellbaren Daumen und zahllosen anderen Eigenschaften. Der menschliche Körper, wunderschön und reich an Möglichkeiten, ist fähig, alle Anforderungen des Musizierens zu erfüllen.
Natürlich ist es möglich zu argumentieren, dass - abgesehen von der körperlichen Beschaffenheit des Menschen - der Fortschritt uns so weit von der Natur entfernt hat, dass wir nun konstitutionell unfähig sind, die Anforderungen der modernen Zivilisation zu meistern. Orchesterstühle zum Beispiel: Ihr Design ist einfach schlecht. Oder Musikwettbewerbe. Sicher richten sie Schaden an. Lange Tourneen. Das Leben in Großstädten. Das Einatmen von Autoabgasen. Früher war das Leben besser. Könnten wir uns nur aus diesem halsbrecherischen Lebenstempo verabschieden und auf dem Land leben. Oder im 18. Jahrhundert. Oder vielleicht im 16. Jahrhundert? Oder einfach zurückkehren ins Paradies.
So wird gerne gegen die „moderne Zivilisation" argumentiert. Die dahinter stehenden Absichten sind sicher edel, allein das Argument selbst ist fehlerhaft.
Aus der Sicht mancher Zeitkritiker stehen Stühle sinnbildlich für die schlechten Seiten des modernen Lebens. Sie behaupten, dass, wenn es nur gelänge den idealen Stuhl zu bauen, zahlreiche gesundheitliche Probleme gelindert oder gar beseitigt werden könnten. In Shakespeares „Ende gut, alles gut" (2. Aufzug, 2. Szene) spricht der Clown einige Zeilen, die die Grenzen der Ergonomie deutlich werden lassen: „ein Barbierstuhl, der für alle Hintern passt, für die schmalen, die runden, die derben". Einen solchen Stuhl wird es niemals geben. Außerdem kann kein Möbelstück - wie genial das Design auch sein mag - gesund machen, wenn es nicht richtig benutzt wird. Schlechtes Design macht es nur wahrscheinlicher, dass wir den Stuhl als unbequem empfinden, umgekehrt sollte es bei gutem Design sein, aber Gewissheiten gibt es nicht. Wie Alexander schrieb: „Unsere Kinder sollen wir erziehen, nicht das Schulmobiliar."5
Wettbewerbe jedweder Art sind eine weitere Zielscheibe der Zurück-zur-Natur-Freunde. Es heißt, Wettbewerbe hätten die musikalische Profession vergiftet, die Karrieren junger Musiker ruiniert und den Geschmack des Publikums pervertiert. In Wahrheit ist Wettbewerb ein gesunder, ununterdrückbarer menschlicher Instinkt und spielt in jeder Kultur und bei jeder wichtigen geschichtlichen Entwicklung eine Rolle. Erginge es der Musik heute besser, wenn die großen Sänger der Belcanto-Ära nicht im Wettbewerb gegeneinander angetreten wären? Sollte Wales sein traditionelles Sängerfest verbieten?
Realistisch gesehen können wir der Existenz von Wettbewerben nicht den Jammer junger oder wettbewerbserfahrener Musiker über das Gewinnen oder Verlieren anlasten. Von der Einstellung des Teilnehmers hängt es ab, ob der Wettbewerb sich als Segen oder Verhängnis erweist. Der große australische Tennischampion Rod Laver äußerte sich so:
„Man gibt einfach sein Bestes. Wenn man nicht sein eigenes Spiel spielt, hat man schon verloren. Wenn Du über die Wichtigkeit eines Gewinns schon vorher spekulierst, wirst Du in Panik geraten. Du musst die Bälle annehmen, wie sie Dir entgegenkommen. Das ist das eine. Und fange nicht an zu wünschen, Dein Schlag soll perfekt sein. Wenn Du anfängst zu wünschen, hast Du schon ein Problem."6
Wie ich schon bemerkt habe, ist es nicht etwa logisch, das moderne Leben für unsere Probleme verantwortlich zu machen, denn wenn wir das tun, wünschen wir uns in die Vergangenheit zurück, ein schleichendes Begehren, dass viele Menschen hin und wieder erfasst. Bereits vor Tausenden von Jahren waren solche Wünsche aktuell: „Frage nicht, warum waren frühere Zeiten besser als die heutigen? Denn das ist keine weise Frage." Anders übersetzt könnte dieser Rat aus Ecclesiastes auch bedeuten: "Es ist dumm, Vergangenem nachzuweinen. „Wenn unsere Fähigkeiten nicht ausreichen, den Anforderungen des Lebens entgegenzutreten, dann gilt es sie zu verbessern und nicht die Anforderungen einzuschränken. Der richtige Weg führt nach vorne, nicht zurück.
Ein weiterer beliebter Anlass zur Klage für Musiker sind die Anderen. Man könnte argumentieren, dass ehrgeizige Eltern oder erfolgssüchtige Manager von Plattenfirmen die eingangs beschriebene junge Frau dazu gebracht haben könnten, in eine Persönlichkeitsspaltung auszuweichen. Orchestermusiker suchen häufig bei Dirigenten und Administratoren die Schuld für ihre persönlichen Schwierigkeiten. Dirigenten und Verwaltungsmenschen wiederum klagen die Musiker und einander an. Für Sänger sind immer alle anderen Schuld.
Zunehmender Stress, unser anfälliger menschlicher Körper, das Leben in der modernen Gesellschaft und die Einflüsse anderer Menschen haben einen Anteil an den Problemen, denen Musiker sich häufig ausgesetzt sehen. Passende Therapieansätze ergeben sich daher sozusagen von selbst: Überforderung durch die Eltern verursacht psychologische Probleme, die durch Psychotherapie behandelbar sind. Menschen mit kleinen Händen leiden oft an Sehnenscheidenentzündung - die Physiotherapie bietet eine Lösung an. Schlecht gebaute Stühle können zu Rückenleiden führen - da müssen ergonomisch einwandfreie Stühle her. Der ständige Druck des Konzertlebens verursacht Lampenfieber - Beta-Blocker haben die Antwort. Unser moderner Lebensstil führt zu Unglücklichsein und häufig in die Depression; die Lösung scheint ein Zurück-zur-Natur zu sein.
Viele akut Leidende haben den einen oder anderen Weg beschritten, die eine oder andere Therapieform versucht. Die Probleme bestehen aber weiterhin. Man kann verallgemeinernd sagen, dass die Situation auf dem Musikmarkt heute angespannter ist als noch vor zwanzig Jahren. Berufsunfähigkeit und Leiden treten verstärkt auf, außergewöhnliches Talent und hervorragende Leistungen immer seltener.
Wenn wir eine Diagnose stellen können, enthält diese immer schon einen Hinweis auf das Mittel zur Heilung. Eine falsche Diagnose kann daher das Leben eines Patienten gefährden. Heute können wir mit Sicherheit sagen, dass der Hang von Musikern zur Selbstdiagnose bereits Teil des Problems ist, das sie bedrückt. Die Lösungsansätze der Psychotherapie, Physiotherapie, medikamentöser Behandlung und so weiter versagen meist bei Problematiken, die für den Beruf des Musikers spezifisch sind.
Frederick Matthias Alexander (1869-1955) stieß durch eigene Schwierigkeiten auf neue, wirksame Lösungen, die nicht nur vorübergehende Linderung oder gar eine Verschlimmerung gesundheitlicher Probleme bewirkten. Wie ich bereits an anderer Stelle erwähnte, betrachtete Alexander den Großteil des zeitgenössischen Denkens als fehlerhaft. Er war der Überzeugung, dass wir sowohl in der Diagnose als auch in der Behandlung zahlreicher Probleme irrten. Die Ursache vieler gesundheitlicher und psychischer Probleme lag für ihn nicht in den äußeren Umständen begründet, sondern darin, wie wir mit uns selbst umgehen. Er sah, dass das Problem nicht in der Stimulation von außen lag, sondern in unserer Reaktion darauf; nicht im Stress also, sondern in unserer (Über-)Anstrengung als Reaktion auf stimulierende Einflüsse. Diese Überaktivität nannte er „schlechten Selbstgebrauch" („misuse of the self"), ihre Ursache sah er eben nicht in der Bauweise unseres Körpers, sondern in der „Zielfixiertheit" („end-gaining"). Im folgenden Kapitel werde ich beide Begriffe und ihre Beziehung zueinander näher erklären.
Die Vorteile von Alexanders Ansatz sind vielfältiger Art. Er hatte den Faden gefunden, der scheinbar grundverschiedene Probleme zusammenbindet. Anstatt zu sagen, dass ehrgeizige und überfordernde Eltern bei ihren Kindern Neurosen verursachen können behauptete er, Zielfixiertheit verursache schlechten Selbstgebrauch. Er schloss sich nicht der Meinung an, dass schlechte Stühle zu Rückenproblemen führen, sondern wiederholte schlicht seine Behauptung. In ähnlicher Weise formulierte er die Aussagen neu, die einen ursächlichen Zusammenhang zwischen körperlicher Beschaffenheit und Sehnenscheidenentzündung, Zivilisation und Stress und Ähnlichem herstellten.
In Alexanders Entdeckungen finden wir beides: Diagnose und Therapie, wobei die genannten Vergleiche zusammengefasst werden in der Aussage: Zielfixiertheit verursacht schlechten Selbstgebrauch. Seine Antwort auf alle ähnlich gelagerten Probleme ist das „Innehalten" („inhibition") - der zentrale Ansatzpunkt für die Arbeit mit der Alexander-Technik, den ich in Kapitel 4 näher erläutern werde. Mit diesem Ansatz ist es der Alexander-Technik möglich, mehr und vielschichtigere Probleme effizienter anzugehen als es die einzelnen Lösungsansätze der Psychotherapie, Physiotherapie, Chirurgie, Behandlung mit Medikamenten, ergonomische und andere Maßnahmen können - den Hinauswurf des Dirigenten eingeschlossen.



